23. Januar 2015 14:57 von Felix Guder (Kommentare: 0)

Eines vorweg – agile – ist auf dem Vormarsch und es gibt keinen Weg zurück. Es ist keine Zeiterscheinung und nicht auf die Softwareentwicklung beschränkt. Agilität ist eine Kernanforderung an jedes Unternehmen, jedes Produkt und jeden Stakeholder. Und trotzdem – es ist noch keine Selbstverständlichkeit.

Jeder, der Zeuge eines agilen Projektes wurde, hat selbst erlebt, welche Herausforderungen eine iterativ geprägte Zusammenarbeit bietet. Er hat auch die enormen Lernkurven, Effizienzgewinne und die gestiegene Motivation des Teams gesehen.

Die Herausforderung agiler Projektarbeit ergibt sich aus der Kombination gleichberechtigter Perspektiven zu einem Ganzen. Design ist eine weitere Perspektive, deshalb eigentlich nichts Besonderes. In der Ausprägung des UX-Designs integriert es den Nutzer mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und der ist eigentlich kein Teilnehmer des Projekts.

Und genau hier beginnt das Dilemma. Agil arbeitende Projektteams können eines überhaupt nicht leiden – wenn der Prozess von außen durch neue Anforderungen gestört wird. Und UX-Design kann sehr störend sein. Der schnell daher gesagte Spruch: „Der Nutzer steht bei uns im Mittelpunkt und deshalb immer im Weg!“ hat definitiv einen wahren Kern. Und schlimmer noch: Der UX-Designer ist nicht mal der Nutzer selbst, sondern Vermittler. Design stellt Hypothesen auf, die erst getestet werden müssen.

Sieht man sich die derzeit führenden agilen Methoden an, haben sie ihren Ursprung in der Softwareentwicklung. Und in der gemeinsamen Arbeit an Funktionen zeigt sich schnell, dass es schneller vorangeht, wenn man die Zusammenarbeit in kleinen Schritten lernt. Wenn Lernkurven stetig während des Projektes steigen, ist das deutlich besser, als wenn man erst am Ende klüger ist. Agile Prozesse helfen dabei Dinge richtig zu machen. Und richtig ist eindeutig: Eins oder Null.

UX-Design hat seine Wurzeln in einer ganz anderen Disziplin – dem Design. Und im Design gibt es den Entwurf, also die teilbare, visuelle Hypothese. Der Entwurf repräsentiert die Vorstellungskraft und ermöglicht Urteile über den Sinn und Zweck. Es geht also um das richtige Ding. Und UX-Design erweitert dieses richtige Ding um Produktlebenszyklus und Nutzerperspektive.

Wenn UX-Design auf einen Software-Entwicklungsprozess trifft, entsteht die Reibung nicht durch Kreative, die auf analytisch geprägte Menschen treffen (wie immer wieder vermutet wird), sondern durch eine unterschiedliche Entwurfspraxis.

In den frühen Jahren des Internets rühmte sich Google immer wieder damit, keine Design-Abteilung zu haben, sondern einzig und allein zu testen. Das Votum des Kunden entschied mittels AB-Testing. Ob ein Button rot oder blau war, wurde getestet. Wohl gemerkt: Den Entwicklern hat es nie an Kreativität gefehlt - im Gegenteil. Sie haben zutiefst prototypisch gehandelt und die Dinge gleich selbst gebaut. Die Ergebnisse waren bestechend einfach, aber kein Entwurf. Und vielleicht liegt hier sogar die Antwort auf die Frage, wie es Google gelungen ist seine Vormachtstellung zu erreichen. Die Mitbewerber haben schlicht nicht verstanden, wo die Reise in Zukunft hingehen wird und konnten deshalb auch erst reagieren, als es schon zu spät war.

Heute hat Google eine wegweisende Design-Abteilung um die viel komplexere Welt seiner Produkte beherrschbar zu machen. Google musste einen Weg finden, wie es die Testergebnisse effizient zu Voraussagen weiterentwickeln kann, und landete beim UX-Design. Allerdings kann man sich sicher sein, dass dieser Prozess nicht über Nacht funktioniert hat.

Stellt man die Frage nach der Rolle von Hypothesen und Entwurf im agilen Prozess, findet man eine sehr gute Basis für die Integration der Disziplinen mit UX-Design. Es ergeben sich vier verschiedene Möglichkeiten, die je nach Kontext funktionieren können:

1. Initialer Design Prozess für die Definition des Scope

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Design kann Beides: Den Zweck definieren und Mittel für die Produktion sein. Initial bedeutet: Es gibt im Vorfeld des Projekts eine ausreichend dimensionierte Entwurfsphase. Design Thinking und Lean stellen Prozesse für die interdisziplinäre Arbeit am richtigen Ding bereit. Das Ergebnis wird als getesteter Prototyp vorgestellt, der nun in ein Produkt übersetzt werden muss. Der Vorteil: Der Zweck ist klar. Alle wissen, worauf es ankommt. In der Folge liefert UX vor allem Unterstützung bei der Produktion – die wesentlichen Design-Fragen sind geklärt.

Dieses Verfahren ist der Idealfall, weil alle Disziplinen ihre Stärken zur richtigen Zeit einbringen können. UX-Design im Moment der Ideenfindung und des prototypischen Entwurfs, die Entwickler in der Phase der iterativen Umsetzung. Im Ergebnis entsteht ein überzeugendes Produkt und ein eng verbundenes Team, in dem jedes Mitglied die Grenzen seiner Vorstellungskraft radikal erweitert hat.

 

2. Vorproduktion von UX-Design

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Dieses Verfahren ist umstritten, aber weit verbreitet. Es ist ein klares Zeichen dafür, dass der mit der agilen Arbeit einhergehende Kulturwandel noch nicht weit entwickelt ist. Aber die Methode funktioniert. Dabei werden die UX-relevanten Aspekte des Projekts immer zwei Iterationseinheiten zuvor begonnen (Sprint ist eine Einheit im SCRUM-Verfahren). Das hat den Vorteil, dass UX-Design bereits fertig und abgestimmt ist, wenn die Umsetzung der User Story beginnt. Was so bequem klingt, ist eine Missinterpretation der eigentlichen agilen Idee. Denn die Vorarbeit reduziert die Schnittmenge der beteiligten Disziplinen an der Lösung. UX-Design wird zur Vorgabe, kreativer Input von anderen Disziplinen kann nur noch als Kritik erfolgen.

Für die Weiterentwicklung eines bestehenden Projektes funktioniert die Methode, verschenkt aber die Möglichkeit unkonventioneller Lösungen aus dem Team heraus. Denn UX-Design ist zeitlich limitiert (2 Einheiten) und muss liefern, was bereits geplant ist. Und selbst wenn es einen regen Austausch im Team gibt, der Fokus der Disziplinen ist nicht gleich.

 

3. Dynamische Kollaboration im integrierten Prozess

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Der gleiche Fokus für das gesamte Team. Als Fortführung von Variante 1 unproblematisch. Ohne ausreichende Vorarbeit kann diese Form extrem schnell scheitern. Geringe Konsistenz der Lösung und eine Unmenge ungelöster/verschobener Fragen ist die Folge, wenn alle Beteiligten im gleichen Takt arbeiten sollen.

Mit einer soliden Vorarbeit ist dieses Verfahren zu empfehlen. Zur Vorarbeit gehört ein Projekt-Scope, der gemeinsam entwickelt und periodisiert ist (Product Backlog in SCRUM). Zusätzlich müssen über Styleguides und Vorstudien die wesentlichen Fragen des Designs als Anwendung zur Verfügung stehen, damit Routinen erleichtert werden und genug Zeit für die Problemlösung bleibt. In diesem Verfahren geht es beim UX-Design vor allem um Schnelligkeit in der Visualisierung und ein gehöriges Maß an Bereitschaft eine gemeinsame Wissensbasis im Team zu erarbeiten. Bei dieser Arbeitsweise verschwimmen die Grenzen der Aufgabengebiete und UX-Design wird zum geteilten Wissen für alle Stakeholder.

 

4. Verzögerter UX-Prozess nach dem Testing

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Hier konzentriert sich die Leistung von UX auf die Überarbeitung nach den erfolgten Tests. Was erst abwegig klingt, ist für viele Produktbereiche durchaus sinnvoll, zumal der Fokus auf Tests liegt. Wenn ein ausreichend dokumentierter Styleguide zur Verfügung steht, kann sich UX-Design darauf beschränken Korrekturen auszuführen. Diese Verfahren findet sich in der Projektpraxis sehr häufig, wenn auch meistens als Release getarnt. Denn es ist leider Fakt, dass einige Produkte bereits auf dem Markt erscheinen, die definitiv noch nicht reif dafür sind. UX-Design muss dann korrigieren, was schief läuft.

Dieses Verfahren birgt hohe Risiken. Zum einen funktioniert es nur, wenn das gewonnene Know How durch die Tests zu entscheidenden Verbesserungen führt. Zum anderen reduziert es die Möglichkeiten von UX-Design mit dem Entwurf völlig neue Fragen zu stellen.

 

Die hier vorgestellten Varianten sind alle in Unternehmen anzutreffen. Als UX-Designer kann man den Grad der Agilität in der Projektarbeit selten beeinflussen. Daher ist es wichtig vorbereitet zu sein. Als Digitale Design Agentur hat Iconstorm über die Jahre viel Erfahrung in agilen Entwicklungsprozessen gesammelt. Inzwischen stehen eine Reihe von Methoden und Tools zur Verfügung, wie jeder der oben vorgestellten Ausprägung von UX-Design im agilen Prozess sinnvoll unterstützt werden kann.

Natürlich geht es auch um die persönlichen Skills der handelnden Personen. Für Designer ist es keine leichte Aufgabe, das implizite Wissen für das Team transparent zu machen. Aber dieser Transfer ist sehr wichtig. Es bringt überhaupt nichts, den auf Vorteilen basierten Exotenstatus der „Kreativen“ zu pflegen. Im Gegenteil, es geht darum die Kreativität des ganzen Teams zu wecken. Dazu stellt Iconstorm eine Reihe von Workshop-Formaten und Arbeitsmethoden zur Verfügung.

Einen zentralen Beitrag liefert aber ein anderer Ansatz. Hier geht es um den Aufbau und die Gewinnung von Wissen. Interdisziplinäre Prozesse leben von Gruppendynamik. Walk-Talk-Write – Projektwissen wird über persönliche Gespräche vermittelt. Das Produkt ist Zeugnis dieses Dialogs. Aber eine Dokumentation fehlt meistens. Wissen ist implizit. Das merkt man spätestens, wenn ein Team-Mitglied plötzlich ausfällt. Wir haben uns entschieden unsere Expertise in dynamischen Styleguides für den Aufbau einer UX-Plattform zu nutzen, die den agilen Prozess unterstützt. Ein Enterprise Wiki stellt Prozesse, Verzeichnisse und Wissen für das Projekt zur Verfügung. Eine integrierte UX-Pattern Library stellt Standards zur Verfügung. Ein Styleguide liefert Templates und beschleunigt den Design-Prozess. Die Plattform ist dabei so offen, dass entstehendes Wissen neu aufgebaut und jederzeit mit dem gesamten Team geteilt und diskutiert werden kann. Dieses System hat sich in den Projekten bestens bewährt. Es ist flexibel, also keine Methodologie, aber es unterstützt methodischer Arbeit im UX-Design. Schnittstellen zu den bei Entwicklern beliebten Systemen (z.B.: Jira, SVN, Git) helfen UX-Design eng und effizient mit dem agilen Prozess zu verbinden.

Mit der Unterstützung durch eine UX-Infrastruktur und persönlichen Skills, lässt sich UX-Design sehr gut in agile Prozesse integrieren und schafft die Basis für neue Produkte, die richtig richtig sind.

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