17. Juni 2015 21:27 von Felix Guder

Wenn Sir Simon Rattle seinen Taktstock hebt, hat er die volle Aufmerksamkeit der Berliner Philharmonie. Orchester und Publikum – alle sind bereit. Ein Wippen, ein Blick, ein Schwung mit der Hand und schon wird aus der Partitur ein Konzert. Wer spüren will, wie sich Interaktion in naher Zukunft anfühlen wird, sollte sich ab und zu als Dirigent verkleiden. Zero UI – Kein User Interface. Etwas unscharf als Begriff, verspricht Zero UI vor allem eine Post-Screen-Welt. Kein Drücken und Wischen auf Screens mehr, sondern ein vorausschauendes System.

Zero UI ist viel mehr, als eine Abkehr von der grafischen Benutzeroberfläche. Es geht nicht nur darum, mit welcher Geste Sie in Zukunft die Lautstärke Ihres Fernseher regeln, es geht darum ein System zu entwickeln, dass die Lautstärke Ihres Fernsehers so anpasst, dass Sie ihn nicht zu laut finden können. Nie mehr. Und im besten Fall kennt dieses System Sie so gut, dass es für Sie entscheidet beim Film Heat von Michael Mann eine kleine Ausnahme zu machen. So darf es bei der vielleicht besten Schießerei der Filmgeschichte auch mal ordentlich krachen. Für den sonntäglichen Tatort gilt das dagegen nicht. Hier wird automatisch abgeregelt.

Dieses einfache Beispiel ist komplex. Um fehlerfrei arbeiten zu können, muss das System lernen. Zero UI kann nur funktionieren, wenn es Wissen über Ihr Fernsehverhalten verfügt. Diese Verhaltensmuster sind die Partitur: Ihre Reaktion auf eine laute Filmpassage. Ihr Verhalten zu bestimmten Tageszeiten. Zusätzlich der Kontext: Der Film, den Sie ansehen. Die Lichtstimmung im Zimmer. Ob die Kinder schon schlafen… All diese Informationen können zu Mustern verdichtet werden, die dem System dabei helfen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist Zero UI. Das System bedient sich selbst. 

Der Blick auf die derzeit verfügbaren Produkte am Markt zeigt leider ein anderes Bild. Das intelligente Haus - bedienbar mit dem Smartphone. Die Lautstärke des Entertainmentcenters im Auto – bedienbar mit einer Geste. Das ist in etwa so, als ob Sir Simon Rattle die Berliner Philharmoniker mit einer App steuern wollte: Erste Geige auswählen, Komposition auswählen, Play. Technologisch verfügen wir bereits über Komponenten, die wir für Zero UI brauchen. Aber die Industrie zögert, weil sie enorme Schwierigkeiten dabei hat, unsere Verhaltensmuster richtig zu deuten. Die Partitur fehlt.

Auch Big Data wird hier wenig helfen. Klar steigt die Wahrscheinlichkeit einer richtigen Voraussage mit der Menge an Daten. Aber für eine Auswertung muss die richtige Frage gestellt werden? Welchen Einfluss hat der Kontext? Was ist der Charakter? Was sind die Anzeichen einer Handlung? Wie lassen sich Absichten erkennen? Menschliches Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe sind in diesem Feld unverzichtbar. Sonst findet man sich zu schnell in den Problemen der Algorithmen wieder, die jetzt schon versuchen unser Verhalten vorauszusagen und dabei weitgehend scheitern oder völlig banale Ergebnisse liefern. Unternehmen, die ihre Services und Produkte vom Diktat der Screens befreien wollen, müssen in menschliche Verhaltensmuster investieren und in Menschen, die diese erkennen und verstehen. Aber wer achtet schon auf Empathiefähigkeit und Geduld bei der Auswahl seiner Mitarbeiter?

Zero UI wird nur erfolgreich werden, wenn es gelingt verbindliche Alltagssituationen zu meistern und and die Bedürfnisse des Individuums anzupassen. Diese Leistung wird derzeit von Menschen erbracht, die grafische Interfaces für sich anpassen. Deshalb: Wer weg vom Screen will, muss zwangsläufig näher an den Menschen.

Spontane Link-Sammlung zum Thema:

 

Machine Learning (ML)

Google Now. Der vielleicht alltagstauglichste Beweis dafür, dass die Technologie für Zero UI bereits existiert.

Nuance, eine lernende Spracherkennung auf höchsten Niveau. Damit Systeme verstehen, muss Sprache analysiert werden können.

Guesswork, ein vielversprechendes Recommendation-System.

 

Brain-Computer Interfaces (BCIs) 

Emotiv. Ein aus einem EEG basierendes Headset (Neuro Headset), das Steuerung über Gedanken ermöglicht.

Thync. Stimmungsveränderung durch Wearables.

 

Living Services

Mark Curtis erklärt am Beispiel Nest, wie sich neue Zero UI-Systeme im Smart Home etablieren können.

 

 

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